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Interview mit Frankfurter Unwort-Professor / Sprachliche Besonderheiten im Einkauf
22.07.2010
«Nachhaltigkeit ist zu einem gedankenlos gebrauchten Modewort verkommen»
Herr Prof. Dr. Schlosser, von der Familie im Supermarkt über die öffentliche Hand bis zu den ca. 10.000 im BME rmr organisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - sie alle kaufen ein. Aber woher kommt der Begriff "Einkauf" eigentlich?Dieses Wort ist ein schöner Beleg für eine sprachliche Differenzierung im Gefolge einer sachkulturellen Entwicklung. Im Mittelalter wurde "Kauf" für Handel und Geschäft ohne Unterscheidung, wer verkauft und wer kauft gebraucht. Als "Kaufmann" wurde sowohl der Verkäufer als auch der Käufer bezeichnet. In der frühen Neuzeit wollte man es nun doch genauer wissen und bezeichnen, und so wurde dem Käufer das erweiterte Wort "Ein-kauf" und seinem Geschäftspartner der "Ver-kauf" zugeordnet.
Und die Logistik heißt Logistik, weil man die Waren logischerweise erst einmal an den Verkaufsort transportieren muss?
Lange Zeit war "Logistik" ein Fachwort der Philosophie und bezeichnete die formale Logik, abgeleitet vom griech. "logistike techne" = Rechenkunst. Der heute überwiegende Gebrauch von "Logistik" mit seiner neuen Bedeutung ist dem Französischen (logistique) entlehnt worden und bezeichnet Vorgänge einer geplanten und organisierten Warendistribution, was ja immer noch ein Minimum an "Logik" im Sinne von Berechnung erfordert.
Kaum zu überhören ist, nicht nur im Wirtschaftsleben, der Einfluss der englischen Sprache, der sicherlich auch zu einem guten Teil der zunehmenden Globalisierung geschuldet ist. Sehen Sie in dieser Entwicklung eine Gefahr für die deutsche Sprache?
Wer sich pauschal gegen die Übernahme von angloamerikanischen Fremdwörtern wehrt, verhält sich in einer globalisierten Welt mit Englisch als internationaler Handelssprache unrealistisch. Er müsste noch nachträglich etwa auch auf die starke Einwirkung des Italienischen in der Finanzterminologie ("Blanko-", "Giro", "Konto", "Netto"...) oder in der Musikterminologie ("Adagio", "Andante", "Piano"...) kritisch reagieren; auch diese Terminologien entstanden ja durch einen internationalen Sprachverkehr. Peinlich ist freilich, wenn sich jemand ohne Not, nur aus Angeberei, englischer Fremdwörter bedient. Das aber schadet der deutschen Sprache noch nicht. Ärgerlich hingegen ist die Verpflichtung mancher Firmen, auch intern nur noch Englisch zuzulassen. Für sogar skandalös halte ich den Verzicht deutscher EU-Funktionäre, auf Deutsch, das immerhin eine der offiziellen EU-Amtssprachen ist, ganz zu verzichten.
Einkäufern sind Begriffe wie "Global Sourcing", "Outsourcing", "Green Procurement" oder "globales Benchmarking" sehr geläufig. Ist die Bildung von Fachvokabular, gegebenenfalls sogar Fachsprachen, in bestimmten Berufsgruppen ein häufig zu beobachtender Vorgang?
Der Gebrauch und die Weiterentwicklung von eigenem Vokabular ist in jedem Fachgebiet geradezu selbstverständlich und für eine störungsfreie Kommunikation zwischen Fachleuten sogar unabdingbar.
Das gilt aber wohlgemerkt nur für die fachinterne Verständigung, die mit Hilfe definierter Termini Missverständnisse und "Reibungsverluste" vermeiden kann. Im "Außenkontakt" mit fachlichen Laien sollte man schon auf allgemeinverständliche "Übersetzungen" achten.
Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass manche Formulierungen gezielt eingesetzt werden, um unpopuläre Maßnahmen sprachlich zu verschleiern? Ob ein Mitarbeiter nun von "Downsizing", "Lean Production" oder "Outplacement" betroffen ist - unter dem Strich muss er sich eine neue Stelle suchen.
Ich bezweifle entschieden, dass Wörter wie "Downsizing", "Lean Production" oder "Outplacement" notwendige Fachtermini sind. Dass man sie einer deutschsprachigen Belegschaft und via Medien der weiteren Öffentlichkeit vorsetzt, hat eindeutig sein Motiv darin, dass man - mit Verlaub - zu feige ist, gut Deutsch die Wahrheit zu sagen, und darüber hinaus noch mit nur halbverständlichen Fremdwörtern Eindruck zu schinden.
Begriffe wie "Compliance", mit denen sich auch die Einkaufsabteilungen auseinandersetzen müssen, scheinen hingegen keine präzise deutsche Entsprechung zu haben. Die Vorschläge reichen von "Regeltreue" über "Unternehmensregeln" bis zu "Geschäftshygiene". Ist die Suche nach einem
deutschen Synonym in solchen Fällen überhaupt sinnvoll?
Hier scheint mir ein Wort der englischen Allgemeinsprache, in der "Compliance" nicht viel mehr bedeutet als "Einwilligung", sich noch im Stadium der Entwicklung zu einem Fachterminus zu befinden, wie die verschiedenen konkurrierenden Deutungen beweisen. Wohin die Reise endlich
gehen wird, kann ich leider nicht vorhersagen; das ist Sache der Fachleute, die sich irgendwann einigen müssen.
Eines der momentan populärsten Modewörter in Politik und Wirtschaft ist die "Nachhaltigkeit". Wie würden Sie "Nachhaltigkeit" definieren?
Auch "nachhaltig" war und ist zunächst ein Wort der Allgemeinsprache im Sinne von "lang/länger wirksam". Im Gefolge der Umweltkonferenz von Rio 1992 ist das Wort als Übersetzung von engl. "sustainable" (sustainable development/environment) zu einem Fachwort geworden, das langfristige
Wirkungen von Entscheidungen meint, in denen eine größtmögliche Schonung natürlicher Ressourcen maßgeblich sein soll. Leider ist das Wort mit dieser an sich begrüßenswerten Bedeutung inzwischen vielfach zu einem gedankenlos gebrauchten Modewort verkommen.
Einem breiten Publikum sind Sie insbesondere durch die von Ihnen ins Leben gerufene sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" bekannt. Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Ziel dieser sprachkritischen Aktion (seit 1991) ist es, an herausgehobenen Beispielen deutlich zu machen, dass ein nicht geringer Teil des öffentlichen Wortschatzes - seitens der Erfinder oder Verwender manchmal sogar mutwillig - gegen die Forderung verstößt, dass zwischen bezeichneter Sache und Wort ein angemessenes Verhältnis herrschen sollte. Eine Diätenerhöhung etwa sollte ehrlich so benannt werden und nicht hinter dem Wort "Diätenanpassung" versteckt werden. Wer Menschen, die nicht mehr ganz dem Wirtschaftswachstum dienen, "Wohlstandsmüll" nennt, verstößt sogar gegen die Menschenwürde.
Der Einkauf von "Humankapital" (Unwort des Jahres 2004) sollte also - in sprachlicher Hinsicht - lieber noch einmal überdacht werden?
Ich bezweifle nicht, dass der Urheber des Begriffs, der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith, wie auch andere nach ihm, mit "Humankapital" dem Wert menschlicher Arbeit in etwa dieselbe Achtung wie
dem Sach- und Finanzkapital eines Unternehmens sichern wollten. Inzwischen aber hat der gedankenlose Gebrauch des Wortes diese gutgemeinte Absicht so verflacht, dass dabei kaum noch daran gedacht wird, dass dahinter Menschen mit Fleisch und Blut stehen. Tiefpunkt dieser Degradierung von Menschen auf leblose Wirtschaftsdaten war ein Kommentar zum 11. September 2001: Dabei sei viel "wertvolles Humankapital vernichtet" worden. Auf gleicher Ebene liegt dann aber auch, dass nicht wenige deutsche Firmen ihre Mitarbeiter nur noch als "Human Resources"
bezeichnen.
Wie erklären Sie sich die teilweise heftigen Reaktionen, die die Aktion sowohl bei Unterstützern als auch bei Kritikern hervorruft? Um beim Beispiel "Humankapital" zu bleiben: von vehementer Kritik bis zur Vertonung als satirisches Lied (Funny van Dannen - Humankapital) war nach der Bekanntgabe als Unwort eine große Bandbreite an Reaktionen zu beobachten.
Wer Kritik übt, muss auch Kritik vertragen können. Es ist schon ein Erfolg der Aktion, wenn über eine Unwort-Wahl kontrovers diskutiert wird; dann wird wenigstens einmal über Sprache nachgedacht! Ein Teil der Reaktionen auf die Wahl von "Humankapital" als Unwort des Jahres war allerdings kein Zeichen intellektueller Redlichkeit. Irgendwie müssen wir einen Nerv getroffen haben. Die Wirtschaftsredaktion der FAZ etwa entblödete sich damals nicht, auch heftigsten persönlichen Attacken auf die Jurymitglieder eine ganze Seite zu widmen. Unter anderem nannte man uns dabei "Totengräber der deutschen Volkswirtschaft". Seitdem leide ich darunter, dass unsere Wortkritik die Finanz- und Wirtschaftskrise der beiden letzten Jahre verursacht habe.
Ein alter Konflikt des "Einkaufs", besonders in Hessen: sie will shoppen, er Schoppen. Ist der Gleichklang Zufall, oder liegen beide am Ende gar nicht so weit voneinander entfernt?
Zweifellos ist ein Streit über die Bedeutung zweier lautgleicher (homophoner) Wörter wie "Schoppen" und "shoppen" etwas angenehmer als die Auseinandersetzung mit beleidigten Wissenschaftsheroen; denn er lässt sich in Sekunden schlichten. Ich glaube einfach nicht, dass - wenn nicht andere Beziehungsprobleme vorliegen - die getrennten Wege eines Paares zum "Schoppen" einerseits und zum "Shoppen" andererseits nur durch die Lautgleichheit veranlasst werden. Jedes Wort hat - um es linguistisch auszudrücken - seinen je eigenen Kontext. Das gilt auch für "Meer" und "mehr", "Seite" und "Saite" oder "Weise" und "Waise".
Herr Prof. Dr. Schlosser, vielen Dank für dieses Gespräch.
Das Interview führte David Schahinian.
Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser war von 1972 bis 2002 Professor für Deutsche Philologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Bundesweit bekannt wurde er vor allem durch die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres", die er 1991 initiiert hat. Bis heute ist er ständiges Mitglied und Sprecher der unabhängigen Jury, die jedes Jahr sachlich grob unangemessene Wörter und Formulierungen der öffentlichen Sprache geißelt. Der BME rmr unterhielt sich mit Prof. Dr. Schlosser über die Sprache im Einkauf und aktuelle Tendenzen im Sprachgebrauch des Wirtschaftslebens.
Mehr zu Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser und dem "Unwort des Jahres" finden Sie unter http://www.unwortdesjahres.uni-frankfurt.de


